Betreff: [aktuelles@adfc-bo.de] Das Ruhrgebiet hatte mal mehr Radverkehr als Münster
Von: Klaus Kuliga
Datum: 03.02.2013 14:12
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Hallo liebe Freunde des Rad Fahrens in Bochum,

nachfolgend ein paar Auszüge aus dem Vortrag von Heiner Monheim an der RUB am 29.11.2013.

"Das Ruhrgebiet hatte mal mehr Radverkehr als Münster."

Ich habe Jahre erlebt, in denen ein Drittel des Investitionsvolumens im Hochschulbau  in Parkhäuser und Schnellstraßen ging, nicht in Bücher, nicht in Labors, nicht in Hörsäle. Ein Drittel ging in Parkhäuser, weil es damals alles Campusuniversitäten waren und Campusuniversitäten wurden gedacht als Autouniversität. Das war das Modell: der Student hatte ein Auto. Wir waren auf dem Weg in die Massenmotorisierung. Ich habe mich damals maßlos aufgeregt. Die alten Innenstadt-Universitäten funktionierten ganz anders, fast alle hatten Fahrradanteile von 30-40 Prozent.

Und damit wir das Ruhrgebiet richtig verstehen: Das Ruhrgebiet hatte mal mehr Radverkehr als Münster. Bis in die zwanziger Jahre hatten wir im Ruhrgebiet einen Modal-Split-Anteil für das Fahrrad von über vierzig Prozent - über die ganze Bevölkerung. Wenn beim Bergmannsheil oder beim Bochumer Verein oder Krupp oder irgendwo Schicht war, dann waren auf der Kreuzung zur gleichen Zeit 20.000, 30,0000 Radfahrer unterwegs. Das war das Ruhrgebiet, denn hier gibt es keine Berge, jedenfalls keine sehr hohen, das Klima war auch damals so ähnlich wie heute, nur die Mentalität war eine völlig andere.

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"Die gewohnten Bilder in den Bochumer Vororten - in Weitmar, Grumme oder Hiltrop - von Tausenden Bergmännern, die in unmittelbarer Nachbarschaft zur Zeche wohnten; Hunderten von fahrradfahrenden Kumpeln, die bei Schichtwechsel durch die Kolonien fuhren."

(Manfred Wannöffel: "Rette sich, wer kann." Anmerkungen zur jüngeren Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Bochums. Bochumer Zeitpunkte, 8. Heimatbuch 1985.)
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Irgendwann ist das Ruhrgebiet dank Opel und anderer Dinge und dank einer Landespolitik und Bundespolitik zur Autolandschaft geworden, wir haben Autobahnen gebaut wie wild. Es gibt Industrie- und Handelskammern, die träumen immer noch davon, dass wir das zweigeschossig, dreigeschossig wie in Tokio oder Osaka machen - weil plötzlich im Kopf etwas passiert ist: Im Kopf der Entscheidungsträger, im Kopf der Eliten und am Ende auch im Kopf des Fußvolks. Das Fahrrad kam zur Seite, das flog auf den Müll. Nicht wirklich auf den Müll, denn der Fahrradbesitz im Ruhrgebiet ist absolut normal. Es wird viel geradelt vom Ruhrgebietsmenschen - damals im Münsterland - am Wochenende, auf den Pättkestouren oder im Ruhrtal, aber nicht in der Alltagsmobilität.
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Das Auto wird auf der Müllhalde der Historie, der Technikgeschichte landen.
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Im Verkehr spielt die Emotion eine große Rolle, spielt die Ideologie eine große Rolle und deswegen fällt der Abschied vom Auto so wahnsinnig schwer, weil es kulturell und ökonomisch unheimlich manifestiert ist. Im Recht ist es manifestiert: Man muss eben Parkhäuser bauen, wenn man Hochschulen baut - was für ein Quatsch.
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Die Ruhrgebietshochschulen haben sich von allen anderen deutschen Hochschulen immer schon unterschieden durch den extrem hohen Elternwohneranteil - das sind die Pendler, die von Duisburg oder wo auch immer nach Bochum kommen. Das verändert sehr viel in der Mobilität. Das verändert sehr viel auch in der Frage, wie integriert ist eigentlich der Student hier? Wird der Bochumer, wenn der in Bochum studiert?  Das spielt für die sonstige Mobilität, die Freizeitmobilität eine große Rolle: Was macht er, wenn mal vier Stunden Zeit hat?

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Die Geschichte wiederholt sich (nicht)?

Wie wichtig das Auto als Statussymbol in China geworden ist, wissen die Chinesen spätestens seit Ma Nuos Auftritt im vergangenen Jahr in der Dating-Show „Wenn du der Richtige bist“ bei Jiangsu-TV. Als das 23 Jahre alte Model von einem nicht sehr vermögenden Verehrer eingeladen wurde, mit ihm Fahrrad zu fahren, antwortete Ma Nuo mit jenem Satz, der sie auf einen Schlag zu einem der berühmtesten It-Girls Chinas machte: [f]„Lieber sitze ich weinend auf dem Rücksitz eines BMW als lachend auf einem Fahrrad.“[/f]
(Benedikt Voigt: Glanz auf vier Rädern, Der Tagesspiegel 22.04.2012)
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Der ganze Vortrag im Video (Link ist eine Zeile):
http://www.rubcast.ruhr-uni-bochum.de/index2.php?cat=2012%2F13%20Wintersemester&tag=Mobilit%C3%A4tswoche


Mit freundlichen Grüßen
Klaus Kuliga

Vorsitzender ADFC Bochum e.V.
Kuliga@adfc-bo.de
(0234) 33 74 13

Diese Stadt muss sich bewegen - am besten mit dem Rad.