Gerthe Mitte: Barrierefreie Haltestelle ist Barriere

Der behindertengerechte Umbau der Haltestelle Gerthe Mitte erzielt Vorteile für die Nutzer des ÖPNV auf Kosten einer Gefährdung von Fußgängern und Radfahrern.

Radverkehrsanlagen sind beidseitig vor der Haltestelle und im Haltestellenbereich nicht vorhanden. Die Radfahrer befinden sich also auf der Fahrbahn. Die Benutzung der Gehwege im Bereich der Haltestelle ist seit dem Umbau durch das Zusatzschild „Radverkehr frei“ erlaubt, Radfahrer „müssen in diesem Fall auf Fußgänger Rücksicht nehmen und die Geschwindigkeit an den Fußgängerverkehr anpassen“ (StVO 2009) bzw. dürfen nur mit Schrittgeschwindigkeit fahren (StVO 2006).

Die Benutzung der Fahrbahn durch den Radverkehr bleibt bei dieser Beschilderung der Normalfall. Die Fahrbahn muss dementsprechend für Fahrradfahrer sicher zu benutzen sein. Das ist hier nicht der Fall.

Der enge Raum zwischen Haltestellenkap und Gleis ist für Radfahrer nicht benutzbar. Er entspricht gerade einmal dem erforderlichen Sicherheitsabstand vom Hochbord. Der Raum zwischen den Schienen ist bei einem Meterspurgleis für den Radverkehr nur eingeschränkt geeignet. Sicheres Radfahren wäre also nur in der Fahrbahnmitte, links neben dem Gleis möglich. Ein Radfahrer, der diesen Fahrbahnbereich benutzt, würde aber höchstwahrscheinlich durch das zu erwartende Fehlverhalten der nachfolgenden Kraftfahrzeugführer erheblich gefährdet.

In jedem Fall wird der Radfahrer gezwungen, die Schienen vor und nach der Haltestelle spitzwinklig zu queren. Dadurch entsteht eine besondere Gefährdungssituation und unfallträchtige Konflikte mit dem Kraftfahrzeugverkehr sind zu erwarten. Laut ERA 2010 „ist durch die Gestaltung zu erreichen, dass Schienen nicht im Winkel unter 50 gon [45°] durch den Radverkehr überfahren werden müssen.“ (ERA 2010, Seite 34).

Nach ERA 2010 ist bei der Führung des Radverkehrs im Raum zwischen den Schienen die zulässige Geschwindigkeit auf höchstens 30 km/h, möglichst weniger, zu begrenzen und Fahrradpiktogramme sind im Gleisbereich zu markieren. Ein Wechsel der Führungsform im Haltestellenbereich wird nicht empfohlen. (Zur Diskussion der Problematik vgl. ERA 2010, Seite 30-35)

Die Gehwege sind im Bereich der Haltestellen beidseitig nicht für Fahrradverkehr geeignet. Im Bereich der Haltestelle befinden sich auf beiden Seiten Geschäftseingänge. Es ist mit erheblichem Fußgängerverkehr zu rechnen. Der Gehweg wird auch als Wartebereich genutzt.

„Die Freigabe des Gehweges zur Benutzung durch Radfahrer durch das Zeichen 239 mit Zusatzzeichen ‚Radfahrer frei‘ kommt nur in Betracht, wenn dies unter Berücksichtigung der Belange der Fußgänger vertretbar ist.“ (VwV StVO zu Zeichen 239 (Gehweg), 2 II).

Ein sichererer Wechsel von der Fahrbahn auf den Gehweg und zurück ist vor und nach der Haltestelle beidseitig nicht möglich. Grundstücksausfahrten sind dazu wegen der durch die Mischung von Fußgänger-, Fahrrad- und Kfz-Verkehr in unterschiedlichsten Verkehrsrichtungen gänzlich unklaren Verkehrssituation und mangelhafter Sichtbeziehungen ungeeignet.

Die hier ausgeführte Gestaltung einer Straßenbahnhaltestelle ist nicht verkehrssicher für den Radverkehr. Laut ERA 2010 käme im Bereich der Haltestelle allenfalls eine angehobene Radverkehrsführung in geradliniger Weiterführung der Fahrlinie vor der Haltestelle in Betracht. Wartebereich, Gehweg und Unterstand liegen dann rechts im Seitenbereich. (Vgl. ERA 2010, S. 35, Bild 28).

Prinzipskizze für die Ausbildung einer Haltestelle mit angehobener Radverkehrsführung. ERA 2010, S. 35, Bild 28 Prinzipskizze für die Ausbildung einer Haltestelle mit angehobener Radverkehrsführung. Platzbedarf etwa 4,50 m.

Der ADFC Bochum hat daher gegenüber der Stadt Bochum am 9.2.2012 gemäß ERA 2010, Seite 30f beantragt:

Die Radverkehrsführung im Mischverkehr auf der Fahrbahn wird im Bereich der Haltestelle Gerthe Mitte gesichert
a) durch die Beschränkung der zulässigen Geschwindigkeit auf maximal 30 km/h zwischen Hiltroper Landwehr und Schwerinstraße,
b) durch Aufbringen von Fahrradpiktogrammen zwischen den Schienen,
c) durch Markierung einer Radverkehrsführung, die das Überqueren der Gleise in einem Winkel über 45 ° ermöglicht.

Straßenbahnhaltestellen mit vergleichbarer Verkehrssituation werden zukünftig möglichst als Haltestelle mit angehobener Radverkehrsführung (s.o.) ausgeführt.