Hattinger Straße: Ein Radweg wie aus dem Bilderbuch.
Die Hattinger Straße hat Radfahrstreifen! Die Markierungen sind zwar erst wenige Tage alt, haben aber schon Wellen geschlagen. Heute ist in der WAZ ein Leserbrief von epischer Länge erschienen, der nur ein Thema behandelt: Der skandalöser Radfahrstreifen auf der Hattinger Straße. Der Streifen ist zwar nur 500 m lang, soll aber dort markiert worden sein, um gezielt einen Stau zu erzeugen, der der Leserin nun tagtäglich auf die Nerven geht. Als sie den Leserbrief schrieb, stand sie dort schon "seit drei Tagen" im Stau. Zum Glück hatte sie Papier und Bleistift dabei.
Und - vielleicht ahnt sie es schon - es kommt noch schlimmer: Die Radfahrstreifen werden bis zur Hasenwinkeler Straße verlängert! Das entspricht der langfristigen Verkehrsplanung der Stadt Bochum, die den motorisierten Durchgangsverkehr aus dem Ortszentrum von Linden heraushalten will.
Umgekehrt ist die Hattinger Straße eine überregionale Hauptachse des Radverkehrsnetzes NRW, sollte also mustergültig für den Radverkehr ausgebaut sein.
Tatsächlich besteht gar kein Grund zur Aufregung. Die Hattinger Straße ist vom Bergmannsheil bis Hattingen auf ganzer Länge nur zweistreifig. Lediglich in den Kreuzungsbereichen gibt es zusätzliche Abbiegespuren. Die sind auch zwischen Lindener Straße und Munscheider Damm erhalten geblieben. Die Straßenbahn fährt wie auf der ganzen Strecke mit dem übrigen Fahrzeugverkehr auf derselben Fläche.
Weil der einzige Fahrstreifen Überbreite hat, gilt auf der Hattinger Straße in beiden Richtungen fast durchgehend ein Überholverbot für Kraftfahrzeuge untereinander.
Die besondere Ironie besteht darin, dass in weiten Bereichen entlang der Hattinger Straße die Autos auf dem zweckentfremdeten ehemaligen Radweg parken. Wenn jetzt Radfahrstreifen markiert werden, wird dem Autoverkehr also effektiv nichts weggenommen, dafür erhalten die Radfahrer zurück, was die Autofahrer ihnen vorher geklaut haben: einen Radweg.
Die Radfahrstreifen an der Hattinger Straße zwischen Munscheider Damm und Am Holzwege sind Musterbeispiele: Sie gehören zu den ganz wenigen Radfahrstreifen in Bochum, die in der Regelbreite von 1,85 m markiert sind und zu den parkenden Autos am Fahrbahnrand einen zusätzlichen Sicherheitsstreifen von 50 cm Breite haben. Genau so soll es sein.
Radfahrer, die auf diesem Radfahrstreifen unterwegs sind, beanspruchen übrigens nicht mehr Platz, als sie ohne Radfahrstreifen auch benötigt hätten: Mindestens 1 m Seitenabstand zu parkenden Fahrzeugen, 1 m Fahrzeugbreite und mindestens 1m Sicherheitsabstand zu überholenden Fahrzeugen. Macht zusammen in der Addition der Mindestmaße 3 m. Der Radfahrstreifen ist schmaler, sicherer, komfortabler und schneller. Wenn dann die Radfahrer "souverän und flott an den stehenden Autos rechts vorbei sausen", ist ja alles in schönster Ordnung.
Weiter so, Bochum!
Nachtrag:
Die Stadt Bochum hat es leider fertiggebracht, bei der Anlage dieser 500 m Radfahrstreifen gleich drei, teilweise gravierende, Fehler zu machen:
1. Es gab vorher keinerlei Öffentlichkeitsarbeit.
Niemand wurde vorher informiert, dass diese Maßnahme beabsichtigt war und warum und wozu der Radfahrstreifen gut sein soll. Dabei ist eine engagierte Öffentlichkeitsarbeit eine der wesentlichen Säulen auf dem Weg zu einer fahrradfreundlichen Stadt. Woher sollen die Bürger nach 50 Jahren Vorfahrt für Autofahrer denn wissen, was gut ist?
2. Sechs mal am Tag wendet die Bogestra in genau diesem Bereich eine Straßenbahn. Darauf hat die Planung keine Rücksicht genommen. Die Folge: es gibt Staus, für die die Öffentlichkeit den Radfahrern bzw. dem ADFC die Schuld gibt. Bei einem eilig anberaumten Ortstermin wurde festgelegt, dass das Problem durch die Umwandlung von 60 m Radfahrstreifen in einen Schutzstreifen gelöst werden soll. Eine bessere Planung hätte viel Ärger vermeiden können.
3. Der Radfahrstreifen wurde zu lang markiert. Er hätte am Ende des ersten Bauabschnitts enden sollen. Der von den Anwohnern beklagte Lärm durch die Autos auf dem Kopfsteinpflaster wäre gar nciht entstanden, wenn alles korrekt ausgeführt worden wäre. Jetzt hat sich das Problem von selbst gelöst, weil die Arbeiten am zweiten Bauabschnitt beginnen, dem der neue Radfahrstreifen in diesem Bereich gleich wieder zum Opfer fällt.