Dieses Jahr sollte es wieder mit dem Rad in Richtung Süden gehen, wobei wir noch keine rechte Vorstellung darüber hatten, wohin genau. Es traf sich sogar so, dass unser dritter Mitfahrer im Bunde seine Teilnahme erst 24 Stunden vorher verbindlich zusagen konnte. Jedenfalls machten meine Freundin und ich uns am Sonntag, den 11.05.2003, mit dem Zug zum Bodensee auf, um in Konstanz in der Jugendherberge Station zu machen. Wir hatten zwar alles dabei, um auf Zeltplätzen unterkommen zu können, trotzdem wollten wir die erste Nacht der Reise noch in einem richtigen Bett verbringen, damit wir am nächsten Morgen möglichst unsere erste Etappe starten konnten.
Auf die Strapazen der Reise hatten wir uns gut vorbereitet: Die Räder in einem Topzustand, wir selbst durch jahrelanges Radfahren auch im Alltag in einer konditionell guten Form, so dass wir trotz einer Zuladung von fast 20 kg pro Fahrrad den Ansprüchen einer Überquerung des Hochgebirges gewachsen waren. Für meine Person verband sich mit der Fahrt auch ein technisches Experiment: Ich wollte nachweisen, dass man dafür keine Schaltung mit -zig Gängen braucht, sondern dass eine gut ausgelegte Nabenschaltung mit 7 Gängen dafür völlig ausreichend ist. Auch sollten die Trommelbremsen meines Rades ihr Potenzial im Hochgebirge beweisen. Meine Freundin hatte zwar schon einige Erfahrung auf alpinen Straßen, allerdings aus der Motorrad-Perspektive. Für mich war es die dritte Radreise durch die Alpen, die immer wieder die Schweiz als Ausgangsland hatten.
Montag, 12.05.2003:
Nach dem Frühstück in der Jugendherberge Konstanz schnell noch Schweizer Franken besorgt und ab ging es über die Grenze ins Schweizer Kreuzlingen. Ab da waren die sehr auffälligen Wegweiser der Schweizer Radwege unsere ständigen Begleiter. Der Radweg selbst zieht sich auf Wirtschaftswegen entlang des Südufers des Bodensees und war bestenfalls von Radfahrern aus?, natürlich aus Deutschland bevölkert. Ein Phänomen übrigens, dass eigentlich während der ganzen Reise immer wieder auffiel. Bei der Mündung des Alpenrheins in den Bodensee ging es dann auf absolut ebenen Radwegen in Richtung Süden weiter, im nördlichen Teil der Strecke verliefen sie ausschließlich auf der Krone des Rheindeiches. Unseren Dritten
im Bunde (er kam aus Richtung Lindau) hatten wir mittlerweile mit dem Mobiltelefon aus Österreich heraus an einen vereinbarten Treffpunkt dirigiert, wo er zeitgleich mit uns ankam. Gemeinsam fuhren wir den Rhein weiter flussaufwärts; erst südlich von Liechtenstein wurde es dann etwas hügeliger – die ersten Ausläufer des Hochgebirges machten sich auch in der Talsohle bemerkbar. Wir durchquerten mit Chur die Hauptstadt den Kantons Graubünden und da sich der Tag neigte, machten wir uns auf die Suche nach einem Zeltplatz. Den wohlgemeinten Rat eines Mitarbeiters der örtlichen rhätischen Bahn beherzigend: „Zeltet doch irgendwo an einer Stelle, wo ihr niemanden stört. Verboten ist es hier nicht und das haben wir früher als Buben auch so gemacht!“ ging es weiter den Rhein herauf; nur diesmal in Richtung Westen zum Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein. Von dort ging eine Straße weiter in Richtung Thusis an der Via Mala. Dort kannte ich noch einen Zeltplatz von einer früheren Fahrt her, er war zum Glück schon geöffnet und so endete der erste Tag nach 165km.
Dienstag. 13.05.2003
Morgens aufstehen bei leichtem Nieselregen – eine Anfrage an die Inhaberin des Zeltplatzes ergab, dass die Witterung auf den Passhöhen nicht besser sei. Wir beschließen also den Tag zu nutzen, um uns die naheliegende Via Mala einmal anzuschauen. Was soll man zu diesem Naturwunder schreiben? Vielleicht dies hier: Tiefe Schluchten mit reißenden Gewässern gibt es sehr viele in den Alpen, doch keine hat die Fantasie der Menschen mehr angeregt. Durch diese Schlucht führte bis ins ho
he Mittelalter die kürzeste Verbindung von Deutschland nach Italien über den Splügenpass, der bis auf diese extreme Engstelle des Hinterrheines relativ bequem zu begehen war: Einmal herauf, einmal herunter und die Passhöhe lag bereits in Italien. Nur der 3 km lange Abschnitt der Via Mala hatte es in sich, an den glatten Felswänden hatten bestenfalls Trittsteige Platz, die darüber hinaus ständig durch Steinschlag; Schlamm- und Lawinenabgänge bedroht waren. Sehr viele, wenn nicht gar unzählige Menschen haben diesen „bösen Weg“ (Via Mala) mit dem Leben bezahlt. Die Situation besserte sich erst durch den Bau mehrerer Brücken, die den Abgrund mit der schauerlichen Tiefe von 100m überquerten. Der alte Weg ist von der heute gut ausgebauten Straße noch zu erkennen, nach heutigen Gesichtspunkten würden ihn bestenfalls gesicherte Bergsteiger begehen. Die Via Mala gilt heute als bezwungen, man kann sie sogar auf bequemen Treppen besichtigen, was wir dann trotz des relativ hohen Eintrittspreises von 5 Franken auch taten. Anschließend fuhren wir dann den Hinterrhein weiter aufwärts durch die nicht minder eindrucksvolle Rofla-Schlucht in Richtung des Averserrheins. Etwa auf halber Strecke kehrten wir um, das immer schlechter werdende Wetter erzwang diesen Entschluss. Am Zeltplatz wieder angekommen hatten wir dennoch über 50 km mehr auf dem Tacho.
Mittwoch, 14.05.2003
In der Nacht hat es aufgehört zu regnen, wir konnten also zeitig unsere Sachen zusammenpacken und uns auf den Weg machen. Die freundliche Platzinhaberin sagte uns noch, dass in der Nacht in den Bergen Schnee gefallen sei, der von uns vorgesehene Julier-Pass ins Engadin sei aber befahrbar. Sofort, nachdem wir Thusis verlassen hatten, fing die Kletterei an, zunächst noch sehr mäßig über die stark befahrene Straße durch die Schyn-Schlucht mit ihren langen Tunnels, dann aber musste ab Tiefencastel die erste von 4 Stufen des Julier-Passes bezwungen werden. Dieser Pass wird trotz seiner Höhe von fast 2300 m seit der Frühzeit der Menschheit begangen, zusammen mit dem benachbarten Septimer-Pass galt er als kurze Verbindung von Deutschland nach Italien, lange bevor der Pass über den St. Gotthard durch
Brückenbauwerke überhaupt gangbar gemacht wurde. Da die Straße an keiner Stelle durch Lawinen gefährdet ist, wird sie das ganze Jahr offen gehalten, ohne dass größere Verbauungen notwendig sind. Die Steigungen hielten sich im Rahmen des erträglichen; manchmal waren allerdings über 10 % angesagt. Unangenehm war allerdings, dass sich dieser Aufstieg in deutliche Stufen gliederte: Insgesamt 4 Steilabschnitte waren durch längere steigungslose Abschnitte aufgeteilt, was für meine Begriffe den Aufstieg deutlich erschwerte. Nach etwa 40 km erreichten wir die Passhöhe, wo ein sofortiges Umziehen notwendig war, lagen doch die Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und es pfiff ein empfindlich kalter Wind über den Bergsattel. Ich habe für die folgende Abfahrt ins Engadin beinahe sämtliche Kleidungsstücke angezogen, die ich bei mir hatte. Auf der Passhöhe stehen übrigens zwei Säulen aus römischer Zeit, ein Beweis mehr für die historische Bedeutung dieses Gebirgsüberganges. Hydrogeologisch ist sie ebenfalls von Interesse, stellt sie doch die Wasserscheide zwischen Rhein und Donau dar.
Die anschließende Abfahrt wurde von uns übrigens ganz unterschiedlich angegangen: Während ich mein Rad „an der Bremse aufhing“, ließen meine Begleiter es laufen und erreichten Geschwindigkeiten von 80 km/h. Unten im Tal trafen wir uns aber wieder und wärmten uns in einem Cafe bei einer Tasse Kaffee auf. Die anschließenden Kilometer nach St. Moritz zur Jugendherberge verliefen zunächst nach Plan, bis etwa 300 m vor der „Jugi“ bei meiner Freundin doch der Platten-Teufel zuschlug. Die Reparatur konnte jedoch mit Bordmitteln durchgeführt werden, gleichzeitig wurde uns drastisch vor Augen geführt, was uns geblüht hätte wenn wir einen Zeltplatz angesteuert hätten: Es fing an zu schneien! Trotzdem haben wir angesichts der horrenden Preise der Gastronomie mit dem eigenen Kochgeschirr unser Essen selbst gekocht, draußen sitzend gegessen und es uns mit dem hervorragenden Schweizer Bier gut gehen lassen. Insgesamt haben wir an diesem Tage 65 km zurückgelegt.
Donnerstag, 15.05.2003
Morgens ging es wieder zeitig los, wobei meiner Freundin das nächste Malheur passierte: Beim Beladen kippte ihr altes Peugeot-Rennrad so unglücklich um, dass der Schalthebel fürs hintere Schaltwerk an einem Blumenkübel abbrach. Da an Ort und Stelle an einen Ersatz nicht zu denken war (einen Fahrradhändler mit uralten französischen Ersatzteilen in der Krabbelkiste gab es offensichtlich nicht in diesem mondänen Urlaubsort), setzten wir das Schaltwerk fest und fuhren Richtung Westen, um über den Maloja-Pass nach Italien zu gelangen. Dieser Pass stellt eine alpine Kuriosität dar: Während sich die Westseite als echte Passrampe darstellt, gibt es so etwas auf der Ostseite überhaupt nicht. Mit anderen Worten: Die Westtrampe beginnt bei Chiavenna in Italien und ist 32 km lang; die zugehörige Ostrampe endet dagegen in Passau am Zusammenfluss von Donau und Inn nach über 500 km. Das sich der „Passhöhe“ anschließende schweizerische Bergell ist schon sehr stark italienisch beeinflusst und wurde von mir als echtes „Highlight“ empfunden: Traumhaftes Wetter und Berge wie aus dem Baukasten des lieben Gottes. Vor allem einer hatte es mir angetan: Der Pic Badile als Bestandteil der Bernina-Alpen im Grenzgebiet zwischen Italien und der Schweiz. Dabei sind wir rein zufällig auf ihn gestoßen, indem wir das Radfahrverbot durch eine Straßentunnel befolgten und „außen rum“ fuhren. Wir kamen dabei in ein zauberhaftes Dörfchen mit dem Namen „Promontogno“, ein Lebensmittelladen hatte gerade offen, wir deckten uns erneut ein und dann sah ich den Berg ... auf einer Postkarte! Die Inhaberin sagte mir: „Den könnt ihr auch sehen! Geht nur über den Dorfplatz, da an dem alten Hotel vorbei, da ist er.“ Gesagt, getan und das Natur-Monument stand vor uns. Weiter ging es dann an den Comer See nach Domaso, wo wir nach 85 km wieder unsere Zelte aufschlugen. Abends beschlossen wir, unseren Mitradler in Richtung Norden zu begleiten und damit auf den Verzicht der ursprünglich angedachten Weiterreise Richtung Süden zum Mittellmeer.
Freitag, 16.05.2003
Wieder ging es morgens in aller Frühe los, der Abbau der Zelte lief schon ganz schön routiniert ab. Nachdem wir endlich in Dongo am Comer See einen Fahrradhändler gefunden hatten, der bereit war die notwendige Reparatur am Rad meiner Freundin vorzunehmen (hat 12 € gekostet), machten wir noch kurz in Mennagio Rast. Danach ging es wieder ab in die Berge bei einem ziemlich dichten Autoverkehr. Mein Steigungsmesser zeigte des öfteren 10% Steigung an und es war sehr heiß, so dass dieser Aufstieg einmal mehr recht anstrengend wurde. Kurz vor dem erneuten Grenzübergang in die Schweiz deckten wir uns noch einmal in einem Supermarkt mit Lebensmitteln ein, teils, um unser Budget an Franken nicht zu sehr zu belasten, teils, um die doch sehr hohen Preise in der Schweiz nicht zahlen zu müssen. Die Weiterfahrt Richtung Lugano und Bellinzona erwies sich als schwierig, zum auch dort starken Autoverkehr gesellten sich die kräftigen Steigungen des Monte Ceneri. Trotzdem erreichten wir am späten Nachmittag die Tessiner Kantonshauptstadt Bellinzona. Da wir noch weiter „Dampf“ hatten, sollte es weiter Richtung Norden nach Biasca gehen, dem südlichen Ausgangsort der Pässe über den St. Gotthard und dem Lukmanier. Als wir aber gegen 19:00 Uhr dort eintrafen, gab es dort weder Jugendherberge noch einen Zeltplatz. Was also tun? Meine Freundin fragte kurzerhand in einem Einfamilienhaus um Auskunft, der junge Familienvater erlaubte uns ganz spontan, in seinem Vorgarten die Zelte aufzuschlagen. Im Keller seines Hause befand sich eine leer stehende Einliegerwohnung, deren WC und Dusche wir auch benutzen durften. Und dafür wollte er noch nicht einmal etwas haben! Seine kleine Tochter von etwa 8 Jahren stellte ihr kleines Fahrrad zu den unserigen und fing ebenfalls an ihr kleines Zelt bei uns aufzubauen. Wir waren ehrlich baff über diese herzliche Form der Gastfreundschaft und wir haben versucht, uns mit einem kleinen Geschenk an das Mädchen zu revanchieren. Und noch einmal an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Frederico aus Biasca im Tessin! Nachdem wir uns in Biasca am Bahnhof an einer wagenrad-großen Pizza gestärkt hatten, waren 110 km mehr auf dem Tacho zu verzeichnen.
Samstag, 17.05.2003
Aufstehen, zusammenpacken und losradeln in aller frühe um 7:00 Uhr, und das in aller Stille um unsere Gastgeber nicht unnötig zu stören. Trotzdem erschien kurz vor der Abfahrt seine kleine Tochter am Fenster. Ein kurzes „Ciao Bella“, ein ebenso kurzes Winken und auf ging es Richtung Lukmanier-Pass. Dieser Pass war in früheren Jahren ebenfalls sehr beliebt bei den Reisenden, ermöglichte er doch einen relativ sicheren Alpenübergang von Deutschland nach Italien: An keiner Stelle steiler als 10 %, keine gefährlichen Schluchten, keine Muren- oder Lawinenabgänge, wintersicher und vor allem eine relativ geringe Passhöhe von 1915 m. Der Preis dafür war allerdings ein gewaltiger Umweg entlang des vorderen Rheines, der einige Tagesreisen betragen konnte. Seit der Eröffnung der Gotthard-Route hat diesem Route nur noch lokale Bedeutung, gleichwohl
wird er aus touristischen Gründen das ganze Jahr über offen gehalten. Da wir aus dem Süden kamen, lagen von Biasca aus etwa 1600 Höhenmeter vor uns, die ohne irgendeinen Absatz auf 41 km Entfernung in stetiger Steigung zu bewältigen waren. Das Wetter verschlechterte sich laufend beim Aufstieg, kurz vor der Passhöhe setzte ein ziemlich unangenehmer Nieselregen ein, der buchstäblich alles durchtränkte was nicht in wasserdichten Taschen verpackt war. Selbst die Optik meiner Kamera war von außen vollkommen beschlagen, so dass zumindest ich auf ein Foto von der Passhöhe verzichten musste. Aber wie das so ist im Hochgebirge, kaum ließen wir unsere Räder ins Tal rollen, riss die Wolkendecke auf und die Sonne schien, als wäre nichts geschehen. Durch den Fahrtwind trockneten unsere Sachen wieder sehr schnell und auch meine Kamera war wieder voll einsatzfähig. Am nördlichen Ausgangspunkt des Passes fand sich in Disentis auf einer Höhe von 1142 m einmal mehr ein geeigneter Zeltplatz, wo wir nach 60 km unsere Zelte in der Nähe des noch jungen Vorderrheins aufschlugen.
Sonntag, 18.05.2003
Unser Mitradler musste sich leider von uns verabschieden, da er am nächsten Tag wieder in seiner bayerischen Heimat zur Arbeit erscheinen musste. Wie er uns später am Telefon erzählte, hat er die Strecke Disentis – Lindau mit ihren 185km an einem Tag durchgezogen. Von Lindau aus ist er dann mit dem eigenen Auto nach Hause gefahren.
Meine Freundin und ich legten an diesem Tag eine Ruhepause ein. Auf dem Programm stand eine Besichtigung der berühmten Benediktiner-Abtei am gleichen Ort und ich persönlich interessierte mich für das Treiben auf dem Bahnhof des Ortes , wo zweimal täglich der Glacier-Express mit seinen meist fernöstlichen Fahrgästen hielt, um für die Weiterfahrt die zugehörige Lokomotive zu bekommen. Neben technischen Gründen für diesen Wechsel spielen unterschiedliche Interessen der an diesem Zug beteiligten Kantone eine Rolle, betreibt der Kanton Graubünden die rhätische Bahn, während sich weiter im Westen der Kanton Uri mit seiner Furka-Oberalpbahn anschloss. Der Bahnhof Disentis ist dabei Grenzbahnhof zwischen diesen beiden Gesellschaften. Ein technischer Grund ist sicherlich darin zu sehen, dass der anschließende Oberalp-Pass mit seinen Steigungen nur mit einer Zahnstange zwischen den Schienen und einer entsprechenden Lok zu bewältigen ist, während die rhätische Bahn auf dieses Hilfsmittel verzichten kann. Dieser Lokwechsel ging dank vieler beteiligter Hände sehr rasch über die Bühne, so dass ein normaler Fahrgast diesen Vorgang kaum bemerkt.
Disentis ist übrigens ein Ort, in dem noch die altertümliche rhätoromanische Sprache gesprochen wird. Als außenstehender kann man mit diesem vokalreichen Idiom überhaupt nichts anfangen, abgesehen davon dass es durchaus die Ohren schmeichelt. Der Gebrauch dieser Sprache hat dank der Bemühungen von einheimischen Sprachforschern in den letzten Jahren in Graubünden zugenommen, stolz erklärte mir die Inhaberin des Zeltplatzes dass man die rhätoromanische Sprache sogar an einer Hochschule studieren könne.
Montag, 19.05.2003
Für diesen Tag nahmen wir uns einen weiteren Pass vor, den 2044 m hohen Oberalppass. Er gehört zu den wenigen Pässen der Schweiz, die ähnlich wie der Malojapass in Ost-West-Richtung verlaufen. Er ist das ganze Jahr über befahrbar und hat auch in früheren Jahren nur eine lokale Bedeutung für den Verkehr innerhalb der Schweiz gehabt. Dennoch trafen wir auch hier eine gut ausgebaute Straße mit Steigungen von maximal 10% an.
Der Tag ließ sich bei strahlenden Sonnenschein prächtig an; schnell war Disentis durchquert und die schon gewohnte Kletterei konnte beginnen. Ein leichter Gegenwind (!) kühlte die erhitzten Gesichter und so war dieser Pass der bisher einfachste von allen befahrenen. Auch brauchte man nicht unnötig dem Berg Meter um Meter abzuringen und so hatten wir Zeit und Muße genug, die wundervolle Berggegend zu bestaunen. Auf der Passhöhe angekommen, stärkten wir uns im dortigen Gasthaus mit einem guten Kaffee, der in dieser Gegend ausgeschenkt wird. Die Wirtsleute berichteten uns von einer Sturmwarnung für den Abend, eine Warnung, deren Folgen wir unmittelbar beim Beginn der Abfahrt Richtung Andermatt zu spüren bekamen: Es pfiff von vorne wirklich wie aus allen Rohren, so dass wir in den nachfolgenden Serpentinen und dem dort wirkenden Seitenwind bald die gesamte Straßenbreite für uns alleine brauchten. Wegen des geringen Verkehrs dort ging das aber ganz gut. Uns entgegen kam der Nachmittagszug des Glacierexpress nach Disentis und Chur, der sich wie eine Achterbahn an die Bergflanke schmiegt. Mir war es völlig schleierhaft, wie überhaupt man auf diese Art und Weise eine Bahnlinie ins Hochgebirge bauen konnte, deren Trassenverlauf durch den Zahnstangenantrieb noch zusätzlich verkompliziert wurde...
Vom Endpunkt des Oberalppasses ging es dann wenige Kilometer nach Realp, dem östlichen Ausgangspunkt des 2431m hohen Furkapasses ins Wallis. Diese „Bergprüfung“ blieb uns dank der noch andauernden Passsperrung erspart, statt dessen mussten wir mit dem „Fahrzeugverlad“ vorlieb nehmen. Das ist übrigens eine weitere Schweizer Spezialität: Die großen Alpenpässe werden mitnichten stets und ständig offen gehalten; alternativ dazu besteht parallel ein dichtes Netz von Eisenbahntunnels mit der Verlademöglichkeit bis hin zum schweren LKW: Vereina-, Albula-, Furka- und Lötschbergtunnel. Zusammen mit den Straßentunnels an St. Gotthard und San Bernadino kann man tatsächlich zur jeder Jahreszeit jeden noch so abgelegen Ort erreichen. Übrigens besitzen die Bahnen bis auf den Lötschbergtunnel eine Spurweite wie die Bochumer Straßenbahnen(1 m), was einmal mehr ihre Leistungsfähigkeit beweist. Am Westportal des Tunnels erwartete uns eine unangenehme Überraschung: GEGENWIND!! Es pfiff wieder wie aus allen Rohren das Rhonetal herauf und dieser Wind sollte uns die nächsten Tage noch nerven. In stetiger Abfahrt ging es durch Regenschauer unterbrochen bis nach Fiesch zur Jugendherberge, wo es eine erneute Überraschung gab: Die Jugendherberge war vom Militär besetzt. Die Situation war so, dass in der Gegend größere Militärübungen stattfanden und da in der Schweiz jeder Wehrmann seine Kaserne sozusagen zu Hause hat (sprich die volle Ausrüstung einschließlich Waffe und Munition), hat man keine Kasernen im üblichen Sinne sondern eher Zeughäuser für das schwere Gerät. Die Folge ist, dass man im Übungsfalle (und die kommen sehr häufig vor) auf zivile Möglichkeiten ausweicht: Schulen, Turnhallen, Hotels und eben Jugendherbergen. Nun war es nicht so, dass man an der Rezeption uns abwies. Wir bekamen das übliche Zimmer für das Reisen zu zweit und nahmen das vorzügliche Abendessen unter lauter Uniformierten, das die Militärköche für uns mit zubereiteten. Eine Vorstellung, die in Deutschland nahezu undenkbar wäre. Am Abend regnete es sich endgültig ein und deshalb ließen wir es mit 70 km auf dem Tacho gut sein.
Dienstag, 20.05.2003
Auf ging es nach dem Frühstück; das Wetter hatte sich in der Nacht beruhigt, obwohl es noch sehr nebelig war. Wir verzichteten deshalb auf den Besuch des Großen Aletschgletschers, des größten Gletschers in den Alpen überhaupt; ein Eisgigant von 25 km Länge. Während viele Gletscher in den Alpen wegen der Erderwärmung auf dem Rückzug sind, kann er seine Größe halten. Er besteht genau genommen aus drei Gletschern, die sich im oberen Bereich unter dem bezeichnenden Namen „Concordiaplatz“ vereinen.
Über die Walliser Kantonshauptstadt Brig erreichten wir Visp an der Mündung der Visper Matter in die Rhone. Hier besuchten wir kurz einen ehemaligen Arbeitskollegen meiner Freundin an seinem Arbeitsplatz, danach machten wir uns an den 800 Höhenmeter andauernden Anstieg herauf nach Zermatt, um den dortigen Viertausender einschließlich dem Matterhorn unsere Reminiszenz zu erweisen. Der Aufstieg war unschön; starker Wind, Regenschauer, Autoverkehr, Baustellen und Steigungen bis 13 % erfreuen natürlich jedes Radfahrerherz – aber irgendwann am Abend hatten wir es nach 63 km bis Täsch geschafft und schlugen unsere Zelte in der Nähe des Bahnhofs auf. Am nächsten Tag wollten wir ohne Gepäck weiter nach Zermatt; als Einstimmung sahen wir uns in einem Gasthof in der Nähe beim Abendessen eine Filmdokumentation über das Matterhorn an.
Mittwoch, 21.05.2003
Zermatt und das Matterhorn, dem „heiligen Berg“ der Schweiz. Oder sollte man besser „Fujijama“ der
Schweiz sagen angesichts der vielen fernöstlichen Touristen in Zermatt.... Wie dem auch immer sei, eine eindrucksvollere Bergpyramide gibt es in Europa wohl nicht. Wie ein Obelisk überragt das Matterhorn die Umgebung mit über 1000 m und ist mit seinen 4478 m Höhe noch längst nicht der höchste Berg der Zermatter Alpen. An diesem Berg begann sozusagen der moderne Alpinismus als er als letzter der Viertausender in dieser Gegend im Jahre 1865 vom Engländer Edward Wymper bestiegen wurde. Der Abstieg forderte übrigens die ersten Todesopfer; vier Mitglieder der Expedition stürzten über die Nordwand in den Tod als ein Seil einen unsicher gewordenen Bergsteiger nicht mehr halten konnte. Die Herausforderung der Berge fordert jedes Jahr ihre Opfer, wie wir uns auf dem Zermatter Bergsteigerfriedhof überzeugen konnten. Ansonsten gibt es von Zermatt zu berichten, dass der Ort zwar offiziell autofrei ist, der Verkehr dort aber auch nicht von schlechten Eltern war. Sogar einen Autohändler gibt es da. Auf eine Weiterfahrt mit der Zahnradbahn auf das Gornergrat verzichteten wir, da es recht wolkig war und selbst das Matterhorn hinter Nebelbänken verborgen blieb. Erst am späten Nachmittag wurde der Berg in Umrissen erkennbar. Die darauf folgende Nacht wurde empfindlich kalt, auf der Innenseite meines Zeltes befand sich tatsächlich eine dünne Eisschicht. Gegen morgen fing es sogar noch an zu regnen.
Donnerstag, 22.05.2003
Morgens in aller Frühe raus aus dem Zelt und das ganze Zeug bei einem alles durchnässenden Nieselregen zusammen zu packen hatte schon irgendwie etwas Prickelndes. Der Inhaber des Zeltplatzes sagte, dies sei der erste Regen seit dem 25.Februar. Erst während der Abfahrt besserte sich das Wetter, dafür knallte uns im Rhonetal der altbekannte Gegenwind entgegen. Da gibt es nur ein Mittel: Langsamer fahren und die Fahrt früher beenden. Wir hatten zuvor beschlossen, auf eine Weiterfahrt nach Frankreich zu verzichten und statt dessen die gesamte Strecke nach Hause zu fahren. Unsere Route würde uns zunächst die Rhone flussabwärts nach Westen führen und ab dem Genfer See weiter nach Norden Richtung Basel. Zunächst war es damit aber noch nicht so weit; Gegenwind, schmale Straßen, starker Autoverkehr begleiteten uns die ganze Strecke bis Martigny auf einer Entfernung von über 100 km. Am Abend bauten wir das letzte Mal unsere noch nassen Zelte auf, der immer noch wehende starke Wind trocknete sie zusammen mit unseren noch feuchten Kleidungsstücken im Nu.
Freitag, 23.05.2003
Der Wind hatte in der Nacht nachgelassen und der Morgen präsentierte sich in schönsten Sonnenschein. Weiter ging es die Rhone flussabwärts und gegen Mittag erreichten wir den Genfer See. Ein unerwarteter Höhepunkt des Tages war der Besuch von Chillon, einer Burg wie aus dem Bilderbuch. Sie gehört zu den meist fotografierten Motiven der Schweiz überhaupt. Über Montreux hinaus konnten wir an seinem nördlichen Ufer entlang fahren, dann ging es ab in Richtung Norden wieder zurück in die Berge, die zwar nicht mehr so hoch aber genau so steil waren. Wir bekamen das zu spüren als wir uns in der Nachmittagshitze an den Aufstieg machten. Gott sei Dank gibt es in der Schweiz an allen Ecken und Enden Trinkwasserbrunnen, sonst hätten wir ganz alt ausgesehen. Die im Großen und Ganzen vorbildlich ausgeschilderten Radwege halfen uns, in diesem uns völlig unbekannten Gelände zu Recht zu finden. Während dieses Tages überschritten wir einmal mehr die europäische Hauptwasserscheide (die zwischen Rhein und Rhone), wobei sich diese ähnlich wie die Sprachgrenze zwischen der deutsch- und französischsprachigen Schweiz (dem sogenannten „Rösti-Graben") kaum an irgendwelchen Merkmalen im Gelände festmachen ließ. Abends kamen wir nach 125 km in Fribourg an, wo wir in der städtischen „Jugi“ übernachteten.
Samstag, 24.05.2003
Für diesen Tag hatten wir uns eine weitere Etappe bis Basel ausgesucht mit einem kleineren Mittelgebirgspass- immerhin lag noch der Jura zwischen uns und unserem Ziel. Die Fahrt selbst ließ sich gut an zunächst durch Mittelland und dann entlang der Aare, während dessen die Wand des Juras immer höher vor uns aufragte. Das ganze bildete einen seltsamen Kontrast mit einer Flusslandschaft im Tal, die an die norddeutsche Tiefebene erinnerte.
Der Jura ist ein schmales Mittelgebirge mit einer Höhe von 1200 bis 1600 m, das sich parallel zum Alpenbogen vom Bodensee nach Frankreich hinzieht. Er war seit alters her ein Verkehrshindernis, bis sich im 19. Jahrhundert die Ingenieure an seine Erschließung machten. Erschließung ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, eher sollte man es „Durchbohrung“ nennen: Es war vor allem die Eisenbahn, die hier immer wieder Tunnels von 3 bis 8 km Länge baute. Ein Überqueren des Gebirges lohnte wohl nicht, da die Gegend noch dünner besiedelt ist als manche Gebiete in den Alpen. Wir selbst mussten uns an eine Überquerung heran begeben, die Fahrt über den 734m hohen Pass am oberen Hauenstein war allerdings recht gemütlich. Von dort aus ging es die nächsten 35 km bis Basel nur noch bergab, wo wir uns nach 144 km erneut in der dortigen Jugendherberge einquartierten.
Sonntag, 25.05.2003 bis Donnerstag 29.05.2003
Der Rest der Fahrt ist eigentlich schnell erzählt, weil ab jetzt in erster Linie der sportliche Aspekt der Reise zum Tragen kam und der Wille, am Tag vor Himmelfahrt abends in Leverkusen zu sein, wo meine Begleiterin wohnt. Das hieß dann konkret: täglich ca. 140 km parallel zum Rhein auf teilweise stark befahrenen Straßen mit ziemlich schäbigem Gegenwind. Von der Rhein-Route wichen wir nur zwischen Worms und Bingen ab, um das Rheinknie bei Mainz abzuschneiden. Nur so war das Ziel mit einigermaßen Kraftaufwand zu erreichen.
Am Mittwochabend erreichten wir Leverkusen; von dort fuhr ich am nächsten Tag weiter nach Bochum, wo die Reise nach 1700km endgültig zu Ende war.
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Das eingangs geschilderte technische Experiment, sich mit 7-Gang-Nabe und Trommelbremsen auf eine derartige Reise zu machen, kann aus meiner Sicht heraus als gelungen bezeichnet werden. Größere Probleme gab es nicht; diese doch altbewährte Technik bewies einmal mehr ihre unbedingte Zuverlässigkeit. Ich würde die Reise jederzeit damit wiederholen allerdings ohne die von uns „mitgeschleppte“ Campingausrüstung. Wir hätten eigentlich immer in irgendwelchen Jugendherbergen oder sonstigen günstigen Unterbringungsmöglichkeiten nächtigen können und hätten dafür eine Gewichtseinsparung von ~10 kg erhalten, die gerade bei den doch recht kräftezehrenden Aufstiegen in die Berge sehr spürbar gewesen wäre.