Radwerkzeug unterwegs...

Da scheinen sich ja echt die Geister zu scheiden, wer denn was mitnehmen würde...
Manche scheinen wohl am liebsten noch einen Anhänger voll Werkzeug und Ersatzteilen mitzunehmen zu wollen, doch das ist dann meistens zuviel des Guten....
Weniger kann manchmal mehr sein - richtig ausgewählt und am allerwichtigsten richtig angewandt!
Dazu kommt noch ein bisschen Improvisationsgeschick (aus nix kann Mann / Frau zwar nicht gerade Gold machen, aber zumindest wieder heile) und zusammen mit dem technischem Wissen was speziell das eigene Rad und dessen angebauten Komponenten bzw. das Rad des Reisepartners betrifft.
Das beste Werkzeug bringt nix wenn man nicht weiß wie, warum, weshalb, wann, wozu... angewandt. Das gleiche trifft für Ersatzteile zu.
Da ich nicht weiß, wie denn der technische Wissensstand des hier Lesenden ist (2 linke Hände oder technisch begabt) würde ich empfehlen mal den örtlichen ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) aufzusuchen und sich an die dortigen Technikleute zu wenden, das sind vielfach Reiseradler mit vielfältigen Ländererfahrungen und diese wiederum bieten desöfteren auch Selbsthilfereparaturkurse (habe ich auch mit angefangen, inzwischen bin ich einer derjenigen der anderen dort hilft) an, wo Mann + Frau konkret das lernen kann, was das eigene Rad betrifft bzw. nötig hat.

Jetzt zu meinen persönlichen Erfahrungen, die ich mittlerweile auf meinen Reisen innerhalb der letzten 14 Jahre gesammelt habe.
Leider waren es immer nur Touren zwischen ein paar Tagen und 6 Wochen (in letzter Zeit nur 3-wöchige Trips per Rad), auch ich bekomme nicht mehr Urlaub am Stück als Elektriker im Handwerk (daher auch mein allg. technisches Wissen und das "Geschick" improvisieren zu können).

Meine Werkzeuge und die Ersatzteilliste, ist allerdings auf mein Rad bzw. meine Bedürfnisse abgestimmt und speziell für meine Touren durch Osteuropa, in den letzten Jahren, erweitert worden:
1 Minuora Universalwerkzeug Typ Alien 2 (enthält diverse Innensechskantschlüssel („Inbusse“) 2-8 mm, 3 Maulschlüssel 8/9/10mm, 2 Schlitzschraubendreher, 1 Kreuzschraubendreher, 1 kurze Klinge - nicht gerade scharf), Speichennippelspanner, Reifenheber, Kettennietdrücker), einen 6/7mm Maulschlüssel, 3 Kunststoffreifenheber von Michelin – andere brechen einfach zu schnell ab...
1 Schweizer Messer (mit u.a. Schere, Holz-Säge, Pinzette), auch für alles Mögliche unterwegs
1 Stück Draht (2 mm dick, 15 cm lang) um z.B. die kaputten Kettenenden zum nieten zu fixieren: Den Draht V-förmig biegen und ein Ende ins linke Ende, das andere ins rechte Ende der Kette und mittig die Kette wieder zusammen nieten, Sinn: Man kann die Reparaturstelle der Kette vernünftig ruhig und sauber positionieren und dann wieder zusammennieten.
Kabelbinder ca. 10 Stück unterschiedlicher Längen 10-30 cm (die wiederverschliessbare Variante gibts u. a. im Elektrofachhandel)
6 Schlauchschellen 20-35 mm für z.B. einen gebrochenen Gepäckträger zu schienen (ist bei einem meiner Kollegen dieses Jahr vorne passiert, aufgrund falscher Montage durch den Radladen...). 1 kleine Schraubdose (ca. 100ml ) mit Handwaschpaste (kein Reinol, da recht viel Wasser benötigt wird und dazu nicht allzu wirksam), oder z.B. von Finishline gibt es eine Emulsion aus Lemonenextrakt bei der mann / frau angeblich sich ohne Wasser die Hände säubern kann...
1 Filmdose o.ä. (mehr nicht!!!) mit Inbusschrauben aus V2A (Nirosta / Edelstahl) M5 in den am Rad verbauten Längen, dazu U-Scheiben mit kleinem + großem (8+14mm?) Durchmesser, Stoppmuttern (selbstsichernde Muttern),
10 Speichennippel passend zu den Speichen (wenn die Speiche am Gewinde bricht (bei meinem einzigen Speichenbruch bisher während rund 50.000 km passiert), Speichen entsprechend der am Rad befindlichen (je 5 Stück), lassen sich evtl. im Sattelrohr zusammen mit den aufgeschraubten Speichennippeln verstauen.

Den legendären Hypercracker (u.a. bei >> www.meilenweit.net << erhältlich, Reiseversion, Werkzeug zum Abziehen des Ritzels erforderlich).
2 Notspeichen (gibt es als Doppelpack) aus Draht mit am Ende Z- förmig gekröpften Kopf, um ohne das Ritzel abzuziehen die kaputte Speiche einzuziehen.
1 Putzlappen (um Teile abzuputzen oder sie in der Pampa draufzulegen das sie nicht verloren gehen...). Rund 20 Flicken von Tip Top in verschiedenen Größen (wir hatten trotz z.T. schlechtester Pisten nur 1 Platten auf 1000 km), sowie Mantelflicken (auch von TipTop, eigentlich für die Schlauchlosreifen am MTB gedacht)
2 kleine Tuben Flickenlösung von Tip Top – eine kann immer mal verloren gehen oder austrocknen...
1 kleines Stückchen Schleifpapier 1 oder 2 Stückchen Kette von je ca. 6 cm (aber von der am Rad montierten Sorte - Sachs ist nicht mit Shimano kompatibel, Wippermann nicht mit Roloff...).
Neue Ketten sind meist um genau so ein Stückchen zu lang. Achtung: Für Shimano darf man (sagt zumindest Shimano, ich meine aber zur Not funktioniert es auch ohne) nicht den alten Nietstift wiederverwenden, sondern muss für ca. 0,50 Euro je Stück einen speziellen Niet verwenden (für 7/8-Fach Ketten + 9-Fach Ketten unterschiedliche Stifte!), wovon nach durchdrücken des einen Endes, das andere Ende an einer Sollbruchstelle abgebrochen wird!
1 Fläschchen Öl von z.B. Finishline (ohne Teflon, 200 ml, meistens nachfüllbar beim Händler aus großem 5L Kanister), o.ä., für die Federgabel + Dämpfer evtl. noch eine kleine Dose Sprühöl z.B. Brunox.
Für Touren im sandreichem Gelände empfiehlt sich vielleicht kein Öl sondern eher eine Form von Wachs o.ä., (bisher noch keine Erfahrung mit längeren Etappen im Sand, von 150 km in 1998 mal abgesehen... - war heftig...).

1 Kleine Rohrzange / Pumpenzange / Universalzange oder wie auch immer mal das Teil bezeichnet werden mag - ca. 160 mm lang, verstellbar, für alles wo kein entsprechendes Spezialwerkzeug vorhanden ist, zum festhalten, zum Biegen von ???, Demontage der Pedale vor dem Fliegen usw. Ist wirklich sinnvoll, nur bitte nicht die billigste Baumarktvariante sondern so eine solche, wie sie auch vom Klempner verwendet wird, die ist von der Handhabung wesentlich einfacher und nicht so verletzungsanfällig!!!

1 Faltreifen oder wenn ganz extrem (viele Dornen oder ähnl.) einen zweiten, über die diversen Modelle habe ich aber keine Erfahrungen.
2 Schläuche pro Person entsprechender Größe und Art des Ventils (ich bevorzuge Autoventile, da wo es Autos gibt, gibt´s auch Pumpen oder Kompressoren).
2 Auto-Ersatzventile wie auch 1 Ventilausdreher (ist sehr klein + leicht, ca.3 g?, gibt´s auch für Autoventile, im Auto / Reifenfachhandel).
Natürlich gehört auch eine vernünftige (Mini-)Pumpe dazu, diese gibt’s sogar mit Manometer.
Ein Luftdruck von ca. 3-5 bar ist das was so normal ist, je höher der Druck, desto geringer ist im Allgemeinen der Rollwiderstand und umso besser die Laufeigenschaften, aber auch umso geringer ist der Federungskomfort durch die Reifen, hier ist erstens, der auf dem Reifen angegebene (Maximal-)Druck, zu beachten, zweitens kann dann innerhalb dieser Grenzen der eigene „passende“ Druck eingestellt werden.
Draht (Blumendraht), aber keine 100m, sondern nur 1-2m
Gewebeklebeband, 2 kleine Rollen
1 Minitube Sekundenklebergel (Pattex o. ä.) für alles, Kaputte (Brille...)
1 Feuerzeug (Plastik läßt sich durch Erwärmen wieder verbinden – geht wirklich!!!), auch für den Kocher gedacht.
evtl. 1 paar Reservetaschenhaken (je nach Modell der Taschen)
1 Satz (je 2 Stück) Brems- + Schaltzüge entsprechender Sorte

Für Magura gibt es ebenfalls entsprechende Reparatursets, abhängig vom Typ der Bremse (Scheiben- oder Felgenbremse, sowie Version).

Tretlagerwerkzeug(e) nehme ich normalerweise nicht mit, genauso wie Konusschlüssel
(Nabenlagerschlüssel) oder Schlüssel für das Steuerlager.
Das Steuerlager ist bei mir eines mit Ahead-System, es braucht zum Nachstellen oder zerlegen nur einen Inbusschlüssel um die Schrauben der "Deckelplatte" und des Vorbaus zu lösen o. festzuschrauben.
Auch einen Abzieher für Tretkurbeln (wiegt als Reiseversion ca. 300 g) brauche ich nicht mehr, da ich einen sog. integrierten Abzieher habe, der nur wenig mehr als die zu ersetzende Tretkurbelschraube wiegt (gibt´s im Radhandel, bei Bicycles, Globetrotter...; auf den Kurbeltyp achten: Vierkant oder Octalink!)

Das ganze hört sich nach sehr viel an, ist es aber nicht! zusammen mit dem allgemeinen Reparaturzeug (Nähzeug, Flickset für die Therm a Rest Matte, Zelt- / Nahtdichter und anderem Survivalkrams) wiegt alles unter 2.5 kg (plus Faltreifen)
Empfehlen würde ich keine Klickpedale, wg. Sand, Matsch...

Aber wenn das Rad vorher vernünftig gewartet wurde und während der Tour man es nicht an ein paar Streicheleinheiten mangeln läßt (tägliches Schrauben nachziehen bzw. auf fest oder noch vorhanden überprüfen, dürfte von Platten mal abgesehen, sich theoretisch nix größeres sich verabschieden...??? So Allah denn will...

Kontakt: Markus Müller, ADFC Bochum, Kontakt: mueller äd adfc-bo.de, Juli 2007